Dramatik

DIE FARBE DES WASSERS

Drehbuch zu einem Fernseh- oder Kinofilm
AUSZUG
© Susanne Rasser, Rauris, September 2004

PERSONEN

MARIE, 36, Hauptfigur, Köchin

JULIA, 35, Schwester von Marie, Krankenschwester

CARLA, 10, Julias Tochter

ALFRED, 62, Vater von Marie, Besitzer des Restaurant Seeblick

STEFAN, 38, Maries Freund, EDV-Berater

PAUL, 43, Koch

RUTH, 60, Mutter von Stefan, Kellnerin

  1. BERGMEISTER, 58, Hausarzt

ANDREA, 36, Arzthelferin bei Dr. Bergmeister

BILLY, 33, „Leidensgefährtin“ von Marie, Sekretärin

  1. LEITL, Mitte 30, Psychiaterin
  2. KRENZ, Mitte 50, Neurologe

THERESA, Mitte 20, Zimmerkollegin von Marie

  1. ROTH, Mitte 40, Neurologe

ANGIE, Mitte 20, Krankenschwester

  1. BRENNER, Ende 40, Oberarzt

 

KLEINROLLEN (teilw. keine Sprechrollen):

GASTWIRT GREGOR

HERR KÜSTER

FRAU BUCK

PSYCHIATRIEPATIENTEN

ERGOTHERAPEUTIN

MASSEUR

JUNGER MANN

SCHWESTER GABRIELE

ZIMMERKOLLEGIN, DEREN EHEMANN

ÄLTERE DAME

KRANKENPFLEGER

NEUROLOGE DR. WIMMER

ALTER MANN

JUNGER INTERNIST

EMG – KRANKENSCHWESTER

NACHTSCHWESTER

TURNUSARZT

NEUROLOGIEPATIENTIN

PRIMAR, MEHRERE JUNGÄRZTE

  1. ARZTHELFERIN, KUNDEN IN DER APOTHEKE

4 KINDER IM VOLKSSCHULALTER

RESTAURANTBESUCHER, PASSANTEN

 

  1. HAUS SEEBLICK / RESTAURANTKÜCHE                            I / T

 

Marie steht am Herd, bindet sich ihre Kochschürze ab, beobachtet lächelnd Carla, die den Kühlschrank plündert, in Windeseile Essbares in einen Rucksack packt.

Belustigt geht Julia auf Carla zu, nimmt ihr eine Stange Wurst aus der Hand, legt sie in den Kühlschrank zurück.

 

CARLA

Mama! Sollen wir da oben vielleicht dann verhungern?

 

JULIA

Die 10 Minuten Fußweg schaffst du auch ohne Marschgepäck.

 

MARIE (grinst)

Zur Not kann man uns ja von einem Hubschrauber aus Proviant abwerfen.

 

Kopfschüttelnd schultert Carla ihren Rucksack, wendet sich zu Alfred, der gerade die Küche betritt.

 

CARLA

Du Opa, die haben sich mal wieder gegen mich verbrüdert.

 

ALFRED

Tja, so ist das unter Schwestern, da hat man keine Chance.

 

Marie tauscht mit Julia einen amüsierten Blick, folgt Carla Richtung Küchenausgang.

 

 

 

  1. GONDELBAHN / BLICK AUF DAS STÄDTCHEN AM SEE A – I / T

 

 

FILMVORSPANN

 

Carla und Marie fahren in einer Gondel bergwärts, sehen einander vergnügt an und blicken auf eine kleine, vom Tourismus geprägte Kleinstadt (in den österreichischen Alpen).

Heller Frühsommertag.

Kameraschwenk auf das Seeblick, – ein Speiserestaurantbetrieb am durchaus malerischen Gebirgsseeufer.

Blau. Das Blau des Gebirgssees, satt, kräftig, ineinanderfließend.

 

FILMTITEL

 

 

 

 

  1. BERGGASTHOF / KÜCHE I / T

 

Paul (im Kochgewand) verteilt große Kuchenstücke auf Dessertteller, wird dabei argwöhnisch von seinem cholerischen Chef Gregor beobachtet.

 

GREGOR

Diese Portionen sind doch viel zu groß. Was Sie hier verprassen, müsste ich Ihnen eigentlich vom Lohn abziehen!

 

Paul sieht Gregor mit einer Mischung von Nachsicht und Spott an, bleibt gelassen.

 

PAUL

Soll ich sie halbieren oder vierteilen?

 

GREGOR

Für solche Scherze hab ich wirklich keinen Geist!

 

 

 

3.a  BERGGASTHOF / GÄSTETERRASSE                                                                  A / T

 

Marie und Carla sitzen an einem Tisch (sie sind die einzigen Gäste), durch das offen stehende Küchenfenster können sie den Wortwechsel zwischen Paul und Gregor hören.

 

PAUL (off, amüsiert)

Ich meine die Kuchenstücke, nicht Sie, Chef.

 

Marie und Carla sehen sich grinsend an, trinken ihre Gläser leer.

 

CARLA

Ich glaub, wir müssen uns jetzt beeilen.

 

Gregor kommt auf die Terrasse, Marie bedeutet ihm mit einer Geste, dass sie zahlen will.

 

MARIE

Ja, sonst verpassen wir noch die Gondel.

 

Marie reicht Gregor einige Münzen, legt dann ihre Geldbörse neben sich auf einen Sessel.

 

GREGOR

Heute fährt keine Gondel mehr.

 

MARIE

Was heißt das?

 

GREGOR

Dass Sie zu Fuß gehen müssen. Die Bahn hat einen Defekt, tut mir leid.

 

Marie wirkt nun so als ob man ihr eine Hiobsbotschaft überbracht hätte, was Gregor mit Staunen registriert.

 

MARIE (steht auf, konfus)

Danke. Auf Wiedersehen.

 

GREGOR

Wiedersehen.

 

Carla schultert ihren Rucksack, folgt beunruhigt Marie, die über die Terrasse auf einen Berghang zusteuert. Kopfschüttelnd sieht Gregor den beiden nach.

Kamera auf Maries Geldbörse, die in der Aufregung vergessen wurde.

 

(…)

 

(…)

 

(…)

 

  1. WANDERWEG AM SEE A / T

 

Carla, Julia und Marie wandern nebeneinander her, bleiben dann stehen, blicken auf den See.

 

CARLA

Ich weiß es jetzt wie die Farbe des Wassers entsteht, das hab ich nämlich selber aus dem Internetz gefischt. Ich erkläre es euch, es ist aber kompliziert.

 

MARIE

Vielleicht checken wir’s trotzdem.

 

Julia und Marie wechseln einen belustigten Blick.

 

CARLA (verheddert sich beinah)

Also, dieses Blau ist eigentlich eine andere, nein, ist überhaupt gar keine Farbe, es ist nämlich nur das Licht, das eigentlich auch unsichtbar ist. Aber klares Wasser ist so aufgebaut, dass es das farblose Licht blau widerspiegelt.

 

JULIA

Warum gibt’s dann grüne Gebirgsseen oder das Rote Meer?

 

CARLA
Wenn das Wasser nicht blau ist, dann ist es eben versaut, mit Algen oder Sand oder so etwas.

Es kommt darauf an, was darunter ist und was darauf einwirkt. So einfach ist das.

 

JULIA
Tja, und was lernen wir jetzt daraus?

 

MARIE
Nichts.

 

JULIA

Das ist aber mehr als wenig.

 

MARIE
Bei diesem allgemeinen Zwang nach Sinnsuche ist weniger oft mehr.

 

JULIA

Hey, ihr Schlaumeier, wir gehen jetzt nachhause.

 

Carla und Marie gehen mit übertriebenem Tempo voran, es macht ihnen diebische Freude Julia hinter sich zu lassen.

 

JULIA (heiter)

Mein Gott, seid ihr kindisch!

 

 

 

  1. STÄDTCHEN AM SEE / MARKTPLATZ A / T

 

Marie besucht mit Paul einen Wochenmarkt, begutachtet die frischen Waren, geht mit ihm von Stand zu Stand, hat bereits einiges eingekauft.

An einem Getränkeausschank sieht Marie Dr. Bergmeister, der ihrem Blick ausweicht, sich mit Unbehagen abwendet, was Marie (genesen und darum bei allerbester Laune) lediglich amüsiert.

 

MARIE
Was brauchen wir denn noch?

 

PAUL
Kürbis und Fisch.

 

Marie erblickt nun Stefan, der ihr entgegenkommt, sie aber nicht sofort bemerkt.

 

MARIE
Das ist mein Ex, der hat mir noch gefehlt.

 

PAUL (scherzt)

Soll das etwa heißen, dass er dir noch immer fehlt?

 

MARIE (lacht)

Nein, ganz im Gegenteil.

 

Marie bleibt nun mit Paul vor Stefan stehen.

 

MARIE

Hallo.

 

STEFAN (unsicher)

Das hätte ich nicht gedacht, dass ich dich hier … .

 

Stefan spricht den Satz nicht zu Ende, sieht Marie verblüfft an.

Marie stellt die beiden Männer einander vor, macht eine dementsprechende Geste.

 

MARIE

Das ist Paul. – Stefan.

 

Paul und Stefan begrüßen sich mit einem Nicken.

 

STEFAN

Ich hab schon gehört, dass du, – also, meine Mutter hat mir alles erzählt. Ich freue mich für dich. Ich hab’s nur leider jetzt irgendwie eilig.

 

MARIE
Danke. Lass dich nicht aufhalten. Ciao.

 

PAUL
Auf Wiedersehen.

 

 

 

  1. HAUS SEEBLICK / RESTAURANTKÜCHE                                            I / Abend

 

Marie und Paul arbeiten am Herd, die beiden lassen keine Gelegenheit ungenutzt um einander zu berühren, sich im Weg zu stehen.

Aus dem angrenzenden Speisesaal hört man Geschirrklappern, Stimmengewirr.

Paul fabriziert Früchtetartes, er kocht nach Jamie Oliver – Manier, unkonventionell, schnell, mit Kreativität. Marie brät Fleisch, dünstet Fisch, zieht im Vorbeigehen ein Blech mit gebackenem Kürbis aus dem Rohr. Kochen macht den beiden sichtlich Spaß.

Alfred kommt in die Küche, stellt sein Tablett ab.

 

ALFRED
So, ich hau jetzt ab, muss noch schnell Koffer packen.

 

MARIE
Ich wünsch dir einen schönen Kuraufenthalt.

 

Marie umarmt ihren Vater, wirkt etwas bekümmert während sie das Gespräch zwischen Paul und Alfred mitverfolgt.

Im Kücheneingang erscheint kurz Ruth, die schmutziges Geschirr abstellt, wieder geht.

 

ALFRED (zu Paul)

Wir brauchen in der nächsten Saison einen zweiten Koch, die Hütte floriert ja besser denn je.

Also Paul, überleg es dir.

 

PAUL

Ich denk mal drüber nach.

 

 

 

  1. HAUS SEEBLICK / RESTAURANTKÜCHE I / N

 

Die Gäste sind gegangen, die Küche ist aufgeräumt und nur mehr schwach beleuchtet.

Marie sitzt auf der Anrichte am Fenster, sieht Paul zu, der (überflüssigerweise) eine Kasserolle auf Hochglanz poliert.

 

MARIE
Wir sollten jetzt Schluss machen.

 

 

(…)

 

(…)

</a>

 

NACHT

Theaterstück über/für Obdachlose
AUSZUG
©  Susanne Rasser, 1998

 

PERSONEN:

MISHA: obdachlos

MARIA: obdachlos

KURT  : obdachlos

KÄFER: obdachlos

HERIBERT TROSS: abgehoben

 

SCHAUPLATZ:

 

Hinterhof oder Park, Stadtrand, Stadtmitte oder Seitengasse.

Österreich, 90-iger Jahre.

 

BÜHNENAUSSTATTUNG:

Hochsitz, Abfalleimer.

 

 

I .

 

Misha steht vor einem Abfalleimer. Heribert Tross sitzt im Hochsitz. Maria, Kurt und Käfer kauern (ev. mit dem Rücken zu den Zuschauern) am Rande der Bühne.

 

TROSS: Misha, lass das Brot

dort im Eimer,

Speichel um angebissene Wurstsemmeln.

Du hast doch deinen Stolz,

dieses Schwarz in den Augen,

das mir funkelt.

Misha, du hast keinen Hunger

zu zeigen,

hier, in einer Öffentlichkeit,

die dir nicht gehört.

Dort wo die Stadt ausfranst

findest du eine Notschlafstelle,

dort bekommst du Suppe.

Ja, verdammt nochmal.

 

MISHA: Die Sterne, mein Herr.

 

TROSS: Die Sterne stehen auch bei Tage am Himmel, du siehst sie nur nicht.

 

MISHA: Aber dieser Mund, mein Herr.

 

TROSS: Mund? Welchen Mund?

 

MISHA: Diesen, ihren Mund – – ganz einfach halten. Das haben sie sicher irgendwo gelernt. So wie sie beinahe täglich, ja sogar bei Nacht, diese Sprossen da hinaufkraxeln, wie sie wachen, wie sie sitzen, das verrät, mein Herr. Flexibel, ausdauernd, so unerhört engagiert.

 

TROSS: Ja, engagiert!

 

MISHA: Wenn ich das schon höre.

Weihrauch, Myrrhe, – – da winkt ein sicherer Job. Sich ducken, verbiegen und dann heimlich über den Chef schimpfen. Warum sie da oben sitzen, das muss keiner wissen. Machen sie einfach ihren Doktor oder sonst etwas vor.

 

TROSS: Aber diese Arbeit ist wichtig.

 

MISHA: Ja, die Arbeit ist wichtig. Und man muss sich nur zusammenreißen  – – und dann geht’s immer irgendwie. Die Stellung halten.

 

 

 

 

Tross kramt Schreibzeug hervor, schreibt dann gelegentlich mit. Misha nimmt eine Wurstsemmel aus dem Abfalleimer, isst sie schnell auf.

 

TROSS: Wie ein Hund. Ich seh wohl nicht recht. Hund.

 

MISHA: Essen muss ich jetzt. Einen Laib Brot und Gulasch dazu. Warmes, weichgesottenes Gulasch. Viel Saft, viel Fleisch. Paprikarot.

 

TROSS: Das entmutigt mich so sehr. Es ist immer das Gleiche. Betrunken.

 

MISHA: Aber leider nicht.

Am Bahnhof gesessen, alte Zeitungen gelesen. Wissen sie, mein Herr, ein Mädchen – ich weiß nicht mehr, war es zwei oder drei Jahre alt, –  das ist in einen großen Topf gefallen, in einen riesigen Topf mit Gulasch. Dieses Mädchen ist tot. Verbrannt, verbrodelt.

Das ist in einem Gasthaus geschehen. Ja, stand in den Nachrichten. Und ich dachte mir: Arm.

Aber das Gulasch bleibt mir im Kopf und das Denken setzt aus.

Dann: der Geruchsinn, der einen narrt.

Dann: dieses Zittern.

 

TROSS: Du hast Kummer? Erzähl. Mich interessiert das sehr.

 

MISHA: Zwei Drittel Zwiebel. Ein Drittel Fleisch.

 

TROSS: Aber vergessen wir das.

 

MISHA: Nein. Ja, Himmel noch einmal, ich muss das jetzt sagen – – und zwar alles ganz genau. Sonst sprengt es mir mein Gehirn, diese Gedärme da oben im Kopf. Jetzt rede ich mir das Gulasch aus.

Zwei Drittel Zwiebel, ein Drittel Fleisch. Das röstet man auf kleiner Flamme an. Aufgießen, aufkochen lassen. Das wirft Blasen, einen graubraunen Schleim. Aber dann – Paprika! Das gibt die Farbe. Tomatenmark, vielleicht auch Ketschup, ein bisschen Senf. Majoran, Kümmel, da wird nicht gespart. Aber vom Dill, Oregano und Kerbel, davon nicht zu viel. Würde alles verderben. Salz und Pfeffer, Suppenwürfel. Und fertig. Nein. Eine Einbrenn. Oder noch besser: Sauerrahm mit etwas Mehl verrührt. Das bindet herrlich.

Haben sie mitgeschrieben?

 

TROSS: Zu dumm ist mir das.

 

Kurt steht auf, er gesellt sich zu Misha.

 

 

 

 

 

 

 

 

II.

 

KURT: Zu dumm ist mir das. 53 Schillinge und einen Apfel dazu. Als ob ich noch Vitamine bräuchte. 5 Stunden Sitzung habe ich jetzt hinter mir.

 

TROSS: Eine Sitzung? Du?

 

KURT: Na, sich hinsetzen und die Leute anschnorren. Ganz lieb sein und so. Dabei möchte ich heute zuschlagen, alle wegtreten, davonjagen. Ja, dich auch.

 

Kurt deutet auf Misha. Misha setzt sich zu Boden.

 

TROSS: Aber Kurt, ich bitte dich.

 

KURT: Ja, jawohl, bitte und danke und immer schön grüßen. Sie vergessen wo wir sind. Sie wissen das wahrscheinlich gar so genau. Überhaupt nicht – eigentlich.

Nur zuschlagen. Und dann ganz alleine sein. Entschuldigung.

 

TROSS: Na, Kurt? Nachgedacht?

 

KURT: Na? Na, ich helfe ihnen weiter. Für fünf Bier.

 

TROSS: Drei.

 

KURT: Fünf Flaschen Bier. Und sie dürfen nicht mitschreiben. Das versprechen sie mir.

 

TROSS: Fangen wir doch am besten mit der Kindheit an. Woran kannst du dich besonders gut erinnern?

 

KURT: Gut, fünf Bier.

Ich habe mir da schon einiges zurechtgelegt. Also.

Als ich sechs Jahre alt war, da habe ich meinen Vater geschlagen. Er war Tischler, hat Möbel gemacht und so. Ja, und da ist eines Tages diese fremde Frau gekommen – – und er hat sie einfach geküsst. Da habe ich ihm einen Sessel, den er gerade frisch verleimt hatte, über den Schädel gezogen.

Diese Frau ist dann meine Mutter, Stiefmutter geworden. Sie war immer sehr gut zu mir, ehrlich.

 

Tross schreibt doch mit.

 

KURT: Jedenfalls habe ich den Vater damals geschlagen. Dann musste ich mir einen Stock aussuchen, mit dem hat er mich dann verdroschen. Bis ich nicht mehr stehen konnte, wirklich nicht mehr stehen konnte. Und am

 

 

 

 

nächsten Morgen sind wir gemeinsam in die Kirche gegangen.

Und zwei Bier dazu.

 

TROSS: Und zwei Bier dazu.

 

KURT: Mit 10 Jahren bin ich dann das erste Mal wirklich abgehauen, mit Rucksack und so. Bis zur deutschen Grenze bin ich mit meinem Fahrrad gekommen. Das vergesse ich nie mehr. Die Wälder, das hohe Gras, diese Luft und so.

Mein Vater hat mich nachher natürlich ordentlich verdroschen. Aber das war mir gleichgültig, das hat sich einfach bezahlt gemacht. Und wirklich geschadet hat das ja noch keinem von uns.

So, sie schulden mir jetzt sieben Bier.

 

TROSS: Sieben, ja. Und ich gebe dir einfach das Geld dafür.

 

KURT: Das ist uns wohl lieber?

 

TROSS: Nun ja, praktischer irgendwie.

 

KURT: Mit mir sitzt man nicht im Krimpelstätter und schon gar nicht oben am Berg. Mit mir sitzt man überhaupt nicht.

 

TROSS: Ich habe einfach zu wenig Zeit. Du siehst doch, dass ich sehr beschäftigt bin.

 

KURT: Mit mir geht man nicht um die Ecke, nicht zum Bahnhof, nirgendwo hin. Stellen sie sich das vor: Mit einem Sandler im Glockenspiel. Oder gar –

und oh Gott, oh Schande – im Tomaselli oder Cafe Bazar.            (*)

Die Stadt, was würde die Stadt sagen? So sagt man doch hier? Die Stadt – –

 

TROSS: Man kennt mich. Man schätzt mich.

 

KURT: Man schätzt sich – – ein und selektiert nach Gebrauch.

 

TROSS: Was maßt du dir überhaupt an, du … .

 

KURT: Sieben Maß Bier und weiter gar nichts.

Und keine Angst, ich setz mich niemals zu ihnen. Sie haben ja so viel zu verlieren. Noch so viel zu verlieren?

 

TROSS: Aber Kurt, Kurt wir könnten doch … .

 

KURT: Aber lassen wir das. Von ihnen will ich nur mein Geld. Ihr Geld natürlich.

 

(* Namen der Cafehäuser der zu bespielenden Stadt anpassen)

 

 

 

TROSS: Dann komm rauf.

 

KURT: Dann kommen sie runter.

 

TROSS: Wie? Ich?

 

KURT: Runter!

Aber eines sage ich ihnen noch, ich bin kein Sandler, so wie der hier. Der schläft schon seit 10 Jahren auf der Straße.

 

Kurt deutet auf Misha.

 

KURT: Ich habe gearbeitet, eine Lehre gemacht.

 

TROSS: Das, nun ja –

 

KURT: Mir kann hier keiner was tun.

Als ich in die Stadt kam, da habe ich mich beim Magistrat nicht angemeldet, und am Bahnhof gebettelt und so. Dann bist erledigt.

 

TROSS: Das ist wohl illegal?

 

Maria erhebt sich, geht zu Kurt und Misha, nickt Kurt zu, setzt sich zu Misha auf den Boden.

 

KURT: Geben sie mir doch endlich das Geld.

 

Tross wirft ihm Geld zu.

 

KURT: Und ich komm da schon durch.

Die Sandler hier, die bilden ja immer Gruppen. Ich gehöre nirgendwo dazu. Echte Freundschaft gibt es sowieso nicht.

Mir kann keiner was tun.

 

Kurt geht zu Käfer, dreht dem Publikum dann ebenfalls den Rücken zu. Während des Abgangs:

 

TROSS: Auf Wiedersehen.

 

KURT: Mal sehen.

 

 

 

 

Zwischen den Welten

 

10 Minuten / Farbe

 

Drehbuch
zu einem Kurzspielfilm, 10 Min.
© Susanne Rasser, 2006

 

  1. Krankenhausareal außen / Tag

 

RUTH BECKER (eine anmutige, eher zurückhaltend wirkende 37-jährige Frau) geht auf ein Krankenhaus (in der Stadt Salzburg) zu. Sie spielt während des Gehens nervös mit dem Verschluss ihrer Handtasche (im Stil feminin-dezent, so wie Ruths Kleidung auch). Ruth wirkt zerstreut und müde

 

 

 

  1. Schwesternzimmer / Blick auf das Krankenhausareal innen – außen / Tag

 

Im Raum stehen die beiden KRANKENSCHWESTERN MARGOT (58 Jahre, abgebrühte Pragmatikerin) und CLARA (22 Jahre, einfühlsam und dynamisch).

Schwester Clara stellt leere Gläser in die Spüle, ihre Kollegin lehnt am Fenster, sieht hinaus, beobachtet jemanden

 

SCHWESTER MARGOT

Wahnsinn, die kommt wirklich tagtäglich hierher. Und das seit zwei Monaten. Ich würd‘ mir das nicht antun.

 

Schwester Clara tritt neben Schwester Margot, sieht ebenfalls aus dem Fenster. Durch das Fenster sieht man Ruth Becker, die auf den Krankenhauseingang zusteuert

 

SCHWESTER CLARA

Weiß nicht, sie ist immerhin seine Frau.

 

SCHWESTER MARGOT

Geh bitte, wenn einer mal im Wachkoma hängt, dann weiß er doch gar nicht mehr, ob er mal verheiratet war.

 

SCHWESTER CLARA

Ich glaub, da täuschst du dich. Aber gründlich.

 

Schwester Margot wendet sich achselzuckend vom Fenster ab

 

 

  1. Krankenhausflur innen / Tag    

 

Ruth geht langsam den öden Krankenhausflur entlang, sieht gedankenverloren vor sich hin. Die an den Wänden (oder am Plafond) angebrachten Schilder weisen den Weg zu zwei Bettenstationen, tragen die Aufschriften: INTERNISTISCHE ABTEILUNG und INTENSIVSTATION. Ruth sieht nun einen Krankenpfleger auf sich zukommen, der eine bewusstlose Patientin in einem Krankenbett vor sich herschiebt. Mit einer Mischung von Erbarmen und Abscheu blickt Ruth auf die offensichtlich schwerkranke Frau, aus deren weitoffenstehendem Mund Speichel fließt. Ruth scheint mit sich zu ringen, wirkt zwiespältig, zerrissen. Ihr Blick bleibt währenddessen auf der Schwerkranken, an deren Bettgestell der halbgefüllte Beutel eines Urinkatheders baumelt

 

KRANKENPFLEGER

Guten Morgen.

 

Ruth erwidert den Gruß nicht, macht stattdessen auf dem Absatz kehrt und geht hastig den Flur wieder zurück. Verwundert sieht der Krankenpfleger Ruth nach, die mit schnellen Schritten davoneilt

 

GERÄUSCHE

Das Klappern von Ruths Absätzen, ihr immer schneller werdender Atem.

 

Ruth beginnt zu laufen, hetzt wie getrieben Richtung Ausgang

 

 

 

  1. Mirabellgarten Salzburg außen / Tag   

 

Trügerische Postkartenidylle. Ruth durchquert den abgeschiedensten Teil des Parks, geht einen schmalen Kiesweg entlang. Ruth ist kopf- und ziellos, sie hat keinen Blick für den sonnenhellen Tag, die blühenden Blumen und Sträucher

 

GERÄUSCHE

Ruths Schritte, die auf dem Kiesweg knirschen. Das Zwitschern der Vögel.

 

Ruth stoppt, da vor ihr – auf dem schmalen Kiesweg, der in eine steinerne Treppe übergeht – eine Taube hockt, die sich partout nicht bewegen will oder kann. Ruth fixiert das Tier, sie wirkt überfordert, scheint nicht in der Lage zu sein über den reglosen Vogel hinweg zu steigen (was wahrlich keine sportliche Herausforderung wäre). Mit einer fächelnden, fahrigen Bewegung will Ruth die Taube aufscheuchen, was ihr aber nicht gelingt. Wütend schlägt Ruth plötzlich mit ihrer Handtasche nach dem wie erstarrt wirkenden Tier, verfehlt es nur um Haaresbreite

 

RUTH BECKER

Verdammt, rühr dich oder verreck!

 

Ruth hält inne, besinnt sich, steigt nach kurzem Zögern vorsichtig über die reglos bleibende Taube. Im Weitergehen dreht Ruth sich nach dem Vogel um, ihre Miene spiegelt nun Scham, Betroffenheit

 

                                                                                

 

 

  1. Krankenzimmer / Stationsflur innen / Tag

 

MARTIN BECKER (43-jähriger Wachkomapatient) liegt wie erstarrt im Bett seines Einzelzimmers, er kann lediglich die Augen und seine Gesichtsmuskeln selbstständig bewegen.

An Martins Bett stehen die beiden Krankenschwestern Margot und Clara. Schwester Margot spritzt eine breiige Flüssigkeit in Martins Magensonde, wechselt anschließend den Tupfer seiner Trachealkanüle (am/im Hals fixiert, dient zum Absaugen von Schleim und anderen Sekreten).

Schwester Clara schiebt eine Rolle unter Martins dürre Beine, lagert ihn geschickt. Schwester Clara berührt Martin am Arm, ehe sie mit ihm spricht

 

SCHWESTER CLARA

Ich mache Ihnen dann noch eine Rasur, das geht eh ratzfatz.

 

Schwester Clara dreht einen CD-Player an, der auf dem Nachtschrank steht. Sie hält mit Martin Blickkontakt, der ihr, solange er seinen Kopf nicht bewegen muss, nachsehen kann

 

MUSIK AUS DEM CD-PLAYER (LEISE)

Concerto RV 529, II: Largo von Antonio Vivaldi.

 

Schwester Margot beobachtet ihre Kollegin mit der milden Überheblichkeit einer Desillusionierten

 

SCHWESTER MARGOT

Kindchen, manchmal beschleicht mich der Verdacht, dass du von einem anderen Stern kommst.

 

Schwester Clara wird für einen Moment ernst und reservierter

 

SCHWESTER CLARA

Geht mir auch manchmal so.

 

Schwester Margot reagiert nicht auf die Worte ihrer Kollegin, wirft den gewechselten Tupfer und die leere Spritze in einen Abfalleimer. Schwester Clara stopft das gewechselte Bettlaken in einen dafür vorgesehen Wäschewagen, geht dann mit dem Wagen neben Schwester Margot Richtung Zimmertür

 

SCHWESTER MARGOT

Wir müssen jetzt noch mehr aufpassen, dass sich der Patient nicht wundliegt.

 

SCHWESTER CLARA

Ja.

 

Schwester Clara wendet sich im Hinausgehen noch einmal zu Martin, spricht etwas lauter

 

SCHWESTER CLARA

Bis später, Herr Becker.

 

Während die beiden Krankenschwestern den Raum verlassen, zeigt die Kamera Martin, der bewegungsunfähig im Bett liegt, zum Plafond starrt.

 

Schwester Clara schließt die Tür des Krankenzimmers hinter sich, sieht ihre Kollegin fragend an

 

SCHWESTER CLARA

Komisch, dass seine Frau nicht da ist. Wo die nur bleibt?

 

SCHWESTER MARGOT

Vielleicht arbeitet sie wieder?

 

SCHWESTER CLARA

Glaub ich nicht. Sie hat gesagt, das kommt für sie nicht in Frage, solange … alles in der Schwebe ist.

 

SCHWESTER MARGOT

Mir ist das wurscht. Bin froh, wenn sie mir mal nicht im Weg hockt.

 

SCHWESTER CLARA

Du, sag ja nichts gegen die Lieblingslehrerin meiner Lieblingsnichte.

 

Schwester Margot schneidet eine Grimasse, geht neben Schwester Clara, die den Wäschewagen vor sich herschiebt, weiter. Am Stationsflur sieht man eine Putzfrau, die den Boden wischt, eventuell auch weiteres Krankenhauspersonal

 

 

 

  1. Kleines Restaurant innen / Tag

 

Ruth sitzt an der Bar, trinkt ein Glas Rotwein mit einem Zuge leer, ordert umgehend, mit dementsprechender Geste, dasselbe Getränk noch einmal. Hinter der Bar steht ein Kellner, an den Tischen sitzen einige Speisegäste. In Ruths Nähe hockt BERND STOLZ (35 Jahre, unkonventionell, attraktiv), der Ruth beobachtet, mit ihr zu flirten beginnt

 

GERÄUSCHE

Stimmengewirr, Geschirrklappern. Das schrille Lachen einer Restaurantbesucherin.

 

Ruth lässt sich vom Kellner ein weiteres Glas reichen, prostet Bernd betont lässig zu

 

 

  1. Seitengasse der Salzburger Altstadt außen / Tag

 

Ruth schlendert mit Bernd ein kaum belebtes Gässchen entlang, die beiden sind betrunken (eher beschwipst, denn besoffen). Im Hintergrund sieht man einige Passanten, die ihre Wege gehen

 

GERÄUSCHE

Schritte auf dem Kopfsteinpflaster, gedämpfter Stadtlärm.

 

BERND STOLZ

Trinkst du eigentlich immer so viel?

 

RUTH BECKER

Gar nie, normalerweise bin ich nämlich so was von vernünftig, das glaubst du gar nicht.

 

Ruth verliert kurz das Gleichgewicht, lässt sich von Bernd auffangen, festhalten

 

BERND STOLZ

Vernünftig, du? Das wär aber schad.

 

Ruth lächelt kokett

 

RUTH BECKER

Ach ja. Und warum?

 

BERND STOLZ

Weil ich dir gerne meine Schallplattensammlung zeigen möchte.

 

RUTH BECKER

Das ist die billigste Anmache, die ich je erlebt hab, und sie stammt noch dazu aus dem vorigen Jahrtausend.

 

Ruth sieht Bernd, der schelmisch grinst und seine Arme um sie legt, amüsiert an

 

BERND STOLZ

Würd dir an meiner Stelle was Besseres einfallen?

 

RUTH BECKER

Ja. Nein. So auf die Schnelle nicht.

 

BERND STOLZ

Na eben. Und, willst du?

 

Ruth spielt schmunzelnd die Unschlüssige, legt die Stirn in Falten, wiegt bedächtig, abwägend den Kopf. Sie löst sich aus der Umarmung, legt jedoch im Weitergehen ihre Hand um Bernds Hüfte

 

 

  1. Krankenzimmer innen / Tag

 

Martin (frisch rasiert) liegt im Bett, den Blick zum Plafond gerichtet. Schwester Margot betritt das Zimmer, lässt die Tür offenstehen

 

GERÄUSCHE

Das Offnen der Zimmertür, Schritte vom Stationsflur.

 

Schwester Margot geht zum Nachtschrank, schreibt rasch etwas auf ein dort liegendes Überwachungsprotokoll, sieht Martin nicht an. Die Krankenschwester macht wieder kehrt, verschwindet somit sehr schnell wieder aus Martins Blickfeld

 

GERÄUSCH

Das Zufallen der Zimmertür.

 

Martins Gesichtsmuskeln zucken (Wachkomapatienten sind in der Regel ausgesprochen lärmempfindlich), er öffnet und schließt nun in weitaus kürzeren Abständen seine Augen. Die Kamera bleibt auf Martins Gesicht, das Zucken der Muskeln, das „Flattern“ seiner Augenlider lässt ihn unruhig erscheinen

 

 

 

 

  1. Stadtbrücke außen / früher Abend

 

Ruth und Bernd stehen auf einer Brücke, die über die Salzach führt (ev. Mozart- oder Markartsteg). Ruth und Bernd achten nicht auf die vorbeieilenden Passanten, tauschen Zärtlichkeiten, einen leidenschaftlichen Kuss

 

GERÄUSCHE

Das Plätschern des Flusses, das Kreischen der Wasservögel.  Sehr abgeschwächt Straßenlärm.

 

Bernd löst sich aus Ruths Umarmung, sieht sie fast prüfend an

 

BERND STOLZ

Hey, ich weiß überhaupt nichts von dir. Erzähl mir was. Was machst du, wo kommst du her? Was willst du?

 

Ruth lehnt sich ans Geländer, blickt auf den Fluss, gibt sich gelassen, vordergründig souverän

 

RUTH BECKER

Leben will ich, einfach nur leben, so wie alle anderen auch. Also, eine 0815-Geschichte, die gibt nichts her. Ach ja, und wenn wir schon beim Wollen sind: deine Schmetterlingssammlung, die will auch sehen.

 

 

BERND STOLZ

Schallplattensammlung.

 

Ruth sieht Bernd schmunzelnd an, nickt. Bernd setzt sich aufs Brückengeländer, ist nun übermütig, beschwingt

 

BERND STOLZ

Herrgott, warum sind wir alle so kompliziert? Da brauchts Schallplatten oder Schmetterlinge, wir verführen, lassen warten, schlagen Funken, geben Feuer.

 

Ruth sieht amüsiert zu Bernd hoch, der am Geländer hockt

 

RUTH BECKER

Und löschen mit Benzin?

 

BERND STOLZ

Bestenfalls. Aber vorher spiel ich noch den Gockel und den Depp, wie es sich gehört, wie einstudiert.

 

RUTH BECKER

Oje, ein verhinderter Lyriker.

 

Bernd stellt sich aufs Brückengeländer, balanciert darauf den ersten Schritt aus

 

RUTH BECKER

Komm runter, bitte. Das ist nicht ungefährlich!

 

BERND STOLZ

Keine Angst, bis jetzt bin ich immer auf die richtige Seite gefallen. Und zur Not kannst du mich ja wiederbeleben.

 

Bernd amüsiert sich, Ruth wirkt plötzlich genervt und reserviert

 

RUTH BECKER

Sehr witzig.

 

Langsam, mit dem Fuß tastend, setzt Bernd auf dem Geländer Schritt um Schritt. Er bemerkt nicht, dass Ruths aufgekratzte Stimmung ins Gegenteil gekippt ist

 

BERND BECKER

Hey, dieses Liebäugeln mit dem Tod, das ist doch der ultimative Kick!

 

Ruth, nun vollkommen desillusioniert und ernüchtert, mustert den gaukelnden Bernd mit kaltem Blick

 

RUTH BECKER

Du hast doch keine Ahnung! Du weißt doch gar nicht was du sagst.

 

Ruth wendet sich abrupt zum Gehen, lässt Bernd ohne ein weiteres Wort zurück. Bernd springt vom Brückengeländer, sieht Ruth, die hoch erhobenen Hauptes, mit weit ausholenden Schritten davongeht, verdattert nach

 

 

 

 

  1. Kreuzung an einer belebten Straße außen / früher Abend

 

Ruth steht, gemeinsam mit anderen Passanten, an einer Kreuzung, wartet bis die Ampel auf Grün springt. Ruth sieht mit abwesender, trauriger Miene auf die langsam vorbeifahrenden Autos

 

GERÄUSCHE

Der typische Straßenlärm zur abendlichen Stoßzeit.

 

 

In einem der Autos sitzt LENA (6 Jahre) auf dem Rücksitz, der Wagen wird von ihrem Vater (oder ihrer Mutter) gelenkt. Als Lena Ruth erblickt, klopft sie aufgeregt gegen die Autoscheibe. Ruth bemerkt die kleine Lena, die sie offensichtlich kennt, hebt freudig überrascht ihre Hand zum Gruß. Lena winkt fröhlich zurück. Ruth sieht dem davonfahrenden Mädchen mit Wehmut nach

 

 

 

 

  1. Krankenzimmer innen / Nacht

 

Ruth sitzt im Halbdunkel auf Martins Bettrand, weint beinah lautlos

 

GERÄUSCH

Ruths verhaltenes Weinen, das dann in ein kurzes Schluchzen übergeht.

 

Ruth beugt sich über Martin, er hält seine Augen offen, sieht sie an. Ruth streichelt Martin, fährt behutsam seine Gesichtskonturen nach

 

RUTH BECKER

Ich bin spät dran heute. Es …

 

Ruth spricht den Satz nicht zu Ende, weint heftiger, legt ihren Kopf an Martins Wange. Ruth richtet sich wieder auf, fasst sich. Die Kamera zeigt Martins Gesicht, über seine Wange kullert eine Träne, – Ruths Träne vielleicht

 

RUTH BECKER

Mensch, was bin ich nur für eine Heulsuse geworden. Und genau darüber hab ich früher gespöttelt.

 

Martin hält weiterhin Blickkontakt, seine Miene wirkt entspannt. Ruth legt schützend ihre Hand über Martins Hand, verschränkt dann – wie zum Gebet – ihre Finger in seine

 

RUTH BECKER

Wenn ich mir heut überlege, wie hart ich manchmal war, wie leichtfertig im Urteilen. … Na ja, bei meinen Schülern war ich nicht so, da hab ich immer eine Ausnahme gemacht. Ob die mit der Aushilfslehrerin zurande kommen? … Martin, ich muss etwas tun, ich muss mich entscheiden. … Und du kannst dich auf mich verlassen. Hörst du?!

 

Ruth, die noch immer dieselben Kleider trägt wie in den vorherigen Bildern, sieht sinnierend vor sich hin

 

 

 

 

  1. Krankenzimmer innen / Morgen

 

Schwester Clara steht im Zimmer, betrachtet schmunzelnd Ruth (noch in ihren Kleidern, nicht zugedeckt), die neben Martin im Bett liegt, gerade erwacht. Ruth richtet sich verschlafen auf

 

SCHWESTER CLARA

Aha, eine blinde Passagierin. Einen schönen Guten Morgen wünsche ich.

 

RUTH BECKER

Ich muss wohl eingeschlafen sein. Guten Morgen.

 

Ruth steht auf, ordnet schnell ihr Haar und die zerknitterte Kleidung, schlüpft in ihre Schuhe. Martin schläft ruhig weiter

 

SCHWESTER CLARA

Wie wär’s mit einem starken Kaffee?

 

Schwester Clara geht zum Fenster, öffnet die Jalousien oder Vorhänge

 

RUTH BECKER

Danke, das wäre jetzt genau das, was ich brauchen würde, aber ich muss leider sofort los.

 

SCHWESTER CLARA

Sie bleiben heut tagsüber nicht da?

 

 

RUTH BECKER

 

Nein. Ich werde jetzt immer erst gegen Abend herkommen, für ein, zwei Stunden oder so. Ich brauch einfach mehr Luft zum Leben.

 

SCHWESTER CLARA

Gut. Sie können sich das einteilen, wie es Ihnen am besten passt.

 

Ruth tritt zu Schwester Clara, die beiden sehen einigen Tauben zu, die am Fenster vorbeisegeln, auf die morgenhelle Stadt zufliegen

 

SCHWESTER CLARA

Das wird ein schöner Tag heute.

 

RUTH BECKER

Ja, und der will genutzt sein.

 

Ruth, die nun Entschlossenheit und Tatkraft ausstrahlt, langt nach ihrer Handtasche, sieht währenddessen zu Martin, der noch schläft

 

 

 

 

  1. Schulhof außen / Tag

 

Vor einem Volksschulgebäude tummeln sich Kinder, die sich zum Einlass anstellen

 

GERÄUSCHE

Das fröhliche Stimmengewirr der Schüler, helles Lachen.

 

Unter den Kindern sieht man die beiden Erstklässlerinnen Lena und TAMARA,

die Kinder blicken überrascht-erfreut in eine bestimmte Richtung

 

TAMARA

Unsere Frau Lehrer, sie ist wieder da! Endlich!

 

Lena und Tamara stürmen los, auf Ruth zu, die ihnen mit einem strahlenden Lächeln entgegengeht. Sie trägt nun andere Kleider, hat sich dezent zurechtgemacht. Ruth nimmt die beiden Mädchen an der Hand und geht mit ihnen auf das Schulgebäude zu

 

 

 

ABSPANN