Lyrik

Flugstunde, 2. Übung

Nur nicht klein-
beigeben. Jetzt
nicht mehr. Nicht mehr
stillsitzen, strammstehen,
sich nichts mehr
verwehren.

Lösen wir also
die Fäden,
die Fesseln,
fächern die Federn
zu Flügeln
auf.

Üben wir also
den Adlerblick,
der uns zeigt, uns lehrt:
von sehr weit oben betrachtet,
haben alle Menschen dieselbe
Größe.

Veröffentlicht in: DUM – Das ultimative Magazin, HRSG. Wolfgang Kühn, Zöbing, 2016.

Vor dem Fest

Die Sonne
am Schwächeln,
der Tag
nicht hell,
der Mond
etwas krank
und Schnee
im Mai,
als hätten wir
auf Weihnachten vergessen,
als sollten wir
gerade jetzt, in diesem Frühling
daran erinnert werden,
dass es ein Fest
der Liebe gibt.

Arche. Noah. Taube

(Auszug)

Die Welt dreht sich. Weiter. Und weiter
im alten, vertrauten Takt.
Am Himmel stehen noch immer alle Sterne, umläuft der Mond die vorgegebene Bahn.
Und auch die Sonne steigt und sinkt, so wie sie es immer tat,
sie leuchtet jeden Tag aus.
Mein Himmel meint es gut, er zelebriert das Gleichmaß.
Die Krisen, Katastrophen und die Kriege,
sie wüten anderswo. Das trifft mich nicht.
Der fremde Hunger, bleibt mir fremd,
die Dürre und das Morden, die Strahlen und das Gift, all das trifft mich und es betrifft nicht mich. Ich fühle mit, wenn ich die Bilder sehe.
Ich kommentiere, lamentiere,
dresche hohle Phrasen, empöre und ereifere mich. Für eine kurze Weile. Und dann ist’s aber auch mal wieder gut?
Die Welt, sie steht ja noch.
Und ich finde noch immer mit beiden Beinen zum Boden dieser Erde, gehe sogar wieder barfuß durchs Gras, auf Moos und über die Kiesel.
Sonnenwarme, glattpolierte Kieselsteine, die fühlen sich gut an unter nackten Sohlen. Und doch, die Schritte setze ich jetzt langsamer, ungelenker. Mir kam
mein Sinn fürs Gleichgewicht abhanden.  (…)

Auszugsweise erschienen in Herzschlaf, HRSG: Franziska Röchter, Mitautorinnen: Eva Masthoff, Rene Oberholzer, Esther Ackermann, u.a., chiliverlag, Verl, 2015.

Bettlerdebatte, Salzburg 2014

Die Brücken verbauen,
die Hütten vernageln,
die Scheuklappen fester gezurrt.

Die Reichen ertragen den Anblick
der Armen nicht mehr.
Arme Reiche?

Publiziert in der Literaturzeitschrift Cognac & Biskotten, Innsbruck, 2014.

Erstes Abendmahl

Nimm dir ein Herz,
gern auch meins,
fasse Fuß

im Mut.
Gib dem Zweifel
keinen Brösel

von dem Brot,
das ich buk,
das du nun

für uns brichst.

Erschienen im Glarean-Magazin, HRSG: Walter Eigenmann, Emmenbrücke, 2014.

Bankrotterklärung, abgerissen

Kein Haus. Kein Baum. Kein Kind.
Keinem Staat und auch der Kirche nicht.
Null Dienstbarkeitsgefühl. Kaum Machtgelüste.
Zig Träume in den Sand der Welt gesetzt.

Mal da, mal dort, mal schwer vermittelbar.
Gelebt: geliebt. Gelacht. Genossen.
Manch‘ Scherbe in den Fuß getreten,
somit aus dem Weg geräumt.

Dichiarazione di fallimento, lacerato

Nessuna casa. Nessun albero. Nessun bambino.
A nessuno stato e neppure alla chiesa.
Zero senso del dovere. Tenue smania di potere.
Infiniti sogni piantati nella sabbia del mondo.

Ora qui, ora là, ora difficilmente identificabile.
Vissuto. Amato. Riso. Goduto.
Qualche scheggia pestata con i piedi,
con ciò tolta di mezzo.

Traduzione: © Reinhard Christanell 2017
(Ins Deutsche übersetzt von Reinhard Christanell, 2017)

Nachzulesen auf der Facebook-Seite von Poetry Magazine U. von Liechtenstein


Am Ende
eine vertraute Hand
über die Augen.
Waschen, umziehen,
Zöpfe flechten.
Und die schwarzen Perlen
des Rosenkranzes,
Rubine am Ohr.
Und Kreuz
um den Hals.

Lasst mich noch
drei Tage
im Haus aufgebahrt,
bei den Kindern,
im Dorf.

Nur
dieser Geruch
nach Lysoform,
beiderseits Gitter
am Bett,
kein Mensch
vor den weißen Fliesen.


Wenn dein Lächeln
gefriert, gefrieren
die Tränen.

Wenn Tränen
sich lösen, löst sich
der Schmerz.

Während Schmerzen
verklingen, erklingt
ein Lächeln

in dir.


Gelblich wie Eiter,
übelriechend,
lauwarm.

Fleischrotes Euter,
prall
und gesalbt.

Zuckender Magen,
ein Grinsen,
dir nachgeben:

kuhwarme Milch
aus deiner hohlen Hand
trinken,

dir zu Liebe.


Der Vater,
ein Bauer,
Mutter
dazu,
eigene Sprache,
die eigene Sau,
frühjahrs

Viele wollige Katzen,
zum Spielen

und Erschlagen.

Zu viel Arbeit,
zu viel Heu im Schober,
keine Umkehrmaschine.

Beide Gedichte erschienen in Lyrik im Gespräch, HRSG: Kreis der Südtiroler Autoren, Meran, 1996.


Jeder trägt
sein Kreuz.
Fluchend, geduldig,
in Unrast,
mit Leidemiene.
Wie auch immer,
man schleppt sich
zu Tode.
Stolpert, rafft sich auf,
stolpert in den Floskeln
zum Tag einher.
Jeder trägt
sein Kreuz,
auf dass es
am Grabhügel verfaule.

Ein frühes Gedicht, erschienen in Halbierung, IKS – Verlag, Salzburg 1992.


Es sprachen zwei Bäume 

Das Wesen der Sonne wird schwach.

Die Kate speichert den letzten Strahl.

Bald kommt der Schnee und mit ihm das Eis.

Wir werden ruhen, wir werden träumen.

Nun, da die Blätter gefallen, erfreue ich mich ihrer Pracht.

Des Bauern Kind sang ein Lied, lehrte es der Mutter.

Ich spüre den ersten Winterhauch, ich tanze und unsere Äste spielen de Geige.

Wir leben. Wir tanzen. Wir hören die Lieder.

 

Wir leben.

 

Publiziert im Lyrikband Auf Grund, Verlag der Druckerei Roser, Salzburg 1988.