VOM SICHTBAR-MACHEN

Alles in deiner Vorstellung kann zu leben beginnen. Und lass dir von deinen Schmerzen nicht die Flügel stutzen. So lauten zwei der Auftaktsätze in Robert Kleindiensts Roman Zeit der Häutung. Die Welt, in die uns der Autor mitnimmt, ist grausam, dunkel, tödlich. Es geht um Kinder-KZ, um Internierungslager für Minderjährige. Es geht um jene unselige Zeit, in der der II. Weltkrieg wütete, eine Zeit, in der Ustascha-Faschisten serbischen Kindern das Leben nahmen. Gräueltaten, die unser Vorstellungsvermögen übersteigen oder schmerzlich ausreizen.

Robert Kleindienst ist angetreten um über das Unsägliche zu berichten. Und er tut dies auf eine sehr bedachte Art. Der in Salzburg lebende Schriftsteller steht für einen literarischen Zugriff, der von Feingefühl und unaufdringlicher Klugheit getragen ist. Ein Wutbürger ist an Kleindienst nicht verlorenen gegangen, er geht beschwerlichere, allerdings auch ungleich lohnendere Wege: die des Verstehens, des Berichtens, des Sichtbarmachens und des Verbindens. Im Grunde ist Robert Kleindienst ein Brückenbauer.

Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht einer jungen Kroatin, die in den Kinder-Konzentrationslagern als Schwesternhelferin arbeitet und die dabei innerlich zerbirst, denn sie kann ihren Schutzbefohlenen nur sehr bedingt helfen. Mit Kriegsende flieht die Protagonistin aus ihrer Heimat und landet im ebenfalls kriegsversehrten, nazispurengezeichneten Salzkammergut.

Robert Kleindienst hat mit diesem Roman ein Buch vorgelegt, das man gelesen haben sollte, gelesen haben muss, dieses Werk gehört mit Sicherheit zu den wichtigsten Neuerscheinungen der vergangenen Jahre. Wolle man Robert Kleindienst mit jemanden vergleichen, so fielen einem sofort zwei der bedeutendsten Autorinnen der österreichischen Gegenwartsliteratur ein: Brita Steinwendtner und Marlen Haushofer. Wie Kleindienst die Natur und ihre Vorgänge als Metapher nutzt und dabei das Private kunstvoll mit dem Politischen verbindet, wie er in einer lyrisch-feinsinnigen Sprache Klarheit transportiert, erinnert er in gewissen Details an Brita Steinwendtner und ihren großartigen Roman Rote Lackn. Ja, und was die Einsamkeitserfahrung und auch die Schauplatzauswahl betrifft, da könnte Marlen Haushofer mit ihrer Erzählung Die Wand Pate gestanden sein. Kleindienst hat mit seinem Roman Zeit der Häutung jedoch einen ganz eigenen Ton angeschlagen, sein Lied sang oder schrieb er wohl auch für jene, die auch heute noch vertrieben werden, – Kriegsflüchtlinge, abgeschoben, ausgegrenzt, ins Elend zurückgestoßen. Für diese Menschen steht der Autor mit beeindruckender Sprachstärke ein.

Robert Kleindienst, Zeit der Häutung, Edition Laurin, Innsbruck, 2019, gebunden, Verkaufspreis: 20,90 Euro.

Leseempfehlung von Susanne Rasser, Juni 2021

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